Interview
"Die Kinder wollen lieber wie Michael Ballack werden" Boßel- und Klootschießexperte Uwe Caspers stand Nachbarsport Rede und
Antwort.
Zum Interview


Boßeln – Wenn die Friesen über das Land ziehen

Sport kann so einfach sein: Zwei Teams a 16 Leuten, ein paar Holz- und Gummikugeln und eine freie Straße. Mehr braucht es nicht für das „Heimatspill“ der Friesen. Wenn die Vereine im Winter gegeneinander antreten, ist meist das ganze Dorf auf den Beinen. Denn der Friese lernt erst laufen und dann boßeln.

Die Regeln des Boßeln sind recht schnell erklärt: Die
„Boßel“, so heißt die Kugel, mit der das Spiel betrieben
wird, muss mit möglichst wenigen Würfen eine be-
stimmte Strecke zurücklegen. Es spielen zwei Teams
gegeneinander, jede Mannschaft wird dabei in vier Gruppen aufgeteilt, von denen je-
weils zwei mit einer Holz- und zwei mit einer Gummikugel boßeln. Das Team, welches
die Strecke mit den wenigsten Würfen zurückgelegt hat, ist am Ende des Tages der

Sieger. Wer nun aber denkt, dass zum Boßeln vor allem Kraft im Wurfarm notwendig
ist, der sieht sich getäuscht.

Denn das Spielfeld ist in diesem Fall eine abgesperrte öffentliche Straße mitsamt allen
Kurven, Neigungen oder Bodenwellen. Alle diese Faktoren muss der Werfer beim Wurf
berücksichtigen, so dass neben der Kraft vor allem auch die richtige Technik entschei-
dend ist. Gerde in kurvigen Abschnitten gelingt ein weiter Wurf nur dann, wenn der
Spieler der Kugel den richtigen Drall gibt. Denn verlässt die Boßel das Asphaltband, gilt
der Wurf an dieser Stelle als beendet. Gelingt es dem Werfer jedoch beispielsweise die
Kugel genau in eine Spurrille zu platzieren, dann sind Weiten von über 100 Metern
möglich. Auch die Wettkampfstrecke hat es in sich. In der Regel sind sieben bis acht
Kilometer zurückzulegen, so dass ein Boßler auf jeden Fall gut zu Fuß sein muss. Und
das bei Wind und Wetter, denn auch von einem Regenguss lässt der Friese sich den
Spaß am Boßeln nicht nehmen.

Beim Wettkampf werden die Kugeln immer abwechselnd von beiden Mannschaften ge-
worfen. Die Boßel, die weiter hinten liegt, wird zuerst geworfen. Innerhalb der Gruppen
wechseln sich die vier Spieler bei jedem Wurf ab. Gelingt es der zurückliegenden Mann-
schaft nicht die gegnerische Kugel zu überholen, so erhält die weiter vorne platzierte
Mannschaft einen Punkt, beim Boßeln „Schöt“ genannt. Das Team, welches am Ende
die meisten Schöts auf seinem Konto hat, ist der Sieger. Neben dem Mannschaftsbo-
ßeln gibt es auch Einzelwettkämpfe, bei denen nur die Weite der Würfe gemessen wird.

Seinen Ursprung hat das Boßeln in einer anderen friesischen Sportart, mit der es auch
heute noch eng verbunden ist: Dem Klootschießen. Da bei diesem Spiel die Wurftechnik
jedoch relativ kompliziert ist und ein hart gefrorener Acker auch nicht immer zur Verf-
ügung steht, verlagerte man das Ganze einfach auf die Straße und schon war das
Boßeln geboren. Heute sind im Friesischen Klootschießer-Verband (FKV) 44.000 aktive
Boßler und Klootschießer registriert. Neben Ostfriesland und der Region Oldenburg wird
Boßeln in Deutschland auch in Schleswig-Holstein betrieben. Auch in den Niederlanden
sowie in Irland und Italien gibt es einige Vereine, die sich hin und wieder auch zu inter-
nationalen Wettkämpfen treffen.

Ein Interview mit Uwe Caspers, Betreiber der Website bosslen-online.de und Vorstands-
mitglied des FKV, findest Du (unter Boßlern immer "Du") hier.